Songwriting Routinen: Bob Dylan (2000 bis heute)

  • Ersteller Ersteller Stiwahn
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  • #21
..welche Routinen hast du denn übernommen? Welche deiner Texte oder Musiken haben denn davon profitiert? Kannst du dies nicht in diesem Rahmen vorstellen?
Danke für die Frage 👍🏻 Mach ich gerne!

Kurz zu meiner Songwriter-Vita, dass ihr meinen Weg einordnen könnt: Ich spiel seit ca. 25 Jahren Gitarre. Meine Vision war als kleiner Junge, Rockstar zu werden (hat sich geändert im Laufe der Jahre). Eigentlich schon immer hier und da in Bands gespielt (meist eigene Sachen komponiert) und ansonsten halbgar am PC produziert. Während Corona dann einen Schlenker zur elektronischen Mucke gemacht und da eine Künstler-Persona als Techno/House-Act angepeilt. Viel live gespielt mit modularem Synthie uÄ. Dann hab ich festgestellt, dass ich es für unmöglich halte, all die Professionen (von Produktion über Mixing, Promo undundund) zu vereinen und mir die Nische gesucht, wo ich aus meiner Sicht die höchste Lageenergie habe. Und das ist Songwriting. Da hab ich in meinem Leben einfach am meisten Stunden reingesteckt, wenn auch nur auf dem Beginner-Level. Da stehe ich nun und will gerne Musik machen, die Leute berührt, das ist mein Wunsch. Meine Limitierung ist nun rein zeitlich. Mit Job und Family sehe ich täglich geschätzt 15–45 Minuten, um daran weiterzuarbeiten. Deswegen liegt mir viel daran, von der Erfahrung anderer zu lernen (um rasch voranzukommen). Da ist ein Ansatz für mich, Interviews mit berühmten Songwritern zu lesen und verstehen, wie die so rangehen.

Bob Dylan (zu dem ich sehr neutral stehe) ist einer von ca. einem halben Dutzend, die ich dahingehend gelesen hab bis heute. Da sehe ich Muster, die auch nicht jeden oder jede überraschen werden. Trotzdem sind das Dinge, die bei mir hängen blieben, auch wenn ich das später erst im Schaffensprozess gemerkt habe, was mir also fast unbewusst überging.

Hier ist meine Top Five der Routinen und Prinzipien
Mit dem Disclaimer: Bob Dylan ist nicht der Einzige, der das sagte, aber an seinem Beispiel diskutieren wir hier.

1. Alltägliche Eindrücke und spontaner Ideenzufall
Ich räume mir selbst die kategorische Freiheit ein, in jeglicher Situation – ob grad mit dem Rad unterwegs oder mit Leuten in der Unterhaltung – kurz zu stoppen und eine Notiz zu einem Song zu notieren. Dann sind Titel- oder Textzeilen, ein Rhythmus oder Ideen zum Arrangement. Mit ein paar Wochen bewusstem Umgang damit, glaube ich wirklich, dass diese Inspirationen ein flüchtiger Kuss sind mit einer ganz kurzen Halbwertszeit und dass ich das einfangen sollte, damit ich das später verwenden kann. Meine Go-To-Tools dafür sind die Kamera-, Notizen- und Sprach-Memo-App auf dem Handy.

Zum Beispiel ist aus dem Foto ein Song ("Drück mich ganz fest") entstanden:
dmgf.png

oder so klingt eine Instrumentalisierungs-Notiz, die ich spontan hatte (zum Song "Superglow"):

oder ein Zitat aus einem Buch einfach notiert (bisher noch kein Song draus gemacht):
quote.jpg

2. Authentizität statt verkopfte Metaphorik
In das Fettnäpfchen trete ich, wenn ich zu viel Zeit nur mit Stift und Papier und ohne Gitarre in der Hand, mit Texten verbringe: alle Zeilen mit bedeutungsschwangeren Begriffen vollzustopfen. Das macht KI übrigens auch richtig schlimm. In den Fällen, in denen ich dann nach dem Überarbeiten zufrieden war, lag es oft daran, dass ich einfach gebräuchliche Wörter verwendet habe. Von jemand anderem hörte ich darüber mal: "Beschreibe ein Gefühl, das jeder kennt aus einer neuen Perspektive mit einfachen Wörtern. Das verbindet.". Damit kann ich persönlich viel anfangen.

Hier ein Beispiel von einem Song-Konzept, der dann in der Schublade landete (völlig overthought und dann die Lust verloren):
tabelle.jpg


Mit dem Text bin ich dahingehend sehr zufrieden (Song "Sandwich fürs Leben"):
sandwich.jpg


3. Überarbeiten und Tempo
Ich bin von Natur eher ungeduldig und weniger gewissenhaft. Deswegen sehe ich mich zB auch nicht im Mixing. Da hab ich das Gefühl (getrieben von YouTube-Tutorials), dass die Möglichkeiten an Plug-Ins kein Ende nehmen und jede Entscheidung schon eine schlechte sein kann. Beim Songwriting und Demo-Produzieren gibt's einen ähnlichen Trugschluss: Die Idee, es gäbe zu jedem Moment den perfekten Song. Hier versuche ich, immer das Momentum zu priorisieren, also stets einen Schritt weiterzukommen und sei es mit Worthülsen oder der erstbesten Snare, die mir grad über den Weg läuft in der DAW. Vertiefen kann ich mich dann später immer noch, wenn die Botschaft und der Vibe einmal grob stehen.

Der Song ist zum Beispiel während eines Spaziergangs entstanden. Mit der Memo-App groben Text eingesprochen (inkl overdubs):

und dann zackig Instrument für Instrument vertont und Text noch justiert ("Werkstatt Brüder"):


4. Melodie und Rhythmus als Basis
Das geht für mich einher mit der Frage "Text oder Musik als erstes?". Und am Beispiel vorher sehe ich für mich, dass Text-First auch funktionieren kann (weil die Sprache auch schon einen Rhythmus implizieren kann). Ich bin in anderen Songs aber auch schon gut vorangekommen, indem ich mit Kauderwelsch gestartet habe und Akkorde und Melodie verfeinert habe. Da empfand ich den Vorteil, dass wenn mich das zusammen schon so berührt, die Idee von dem Track stark getragen wird, vor allem durch tiefe Täler von "Textschreiben ist echt nicht mein Ding".

Als Beispiel ein Recording von Kauderwelsch (hin zum Song "Superglow"). Nach Chord-Findung und vor allem Transposition hat es davon nur der Chorus geschafft (obwohl ich den Rest jetzt auch ganz schön finde für eine Skizze):



5. „Trance Writing“ und Instinkt
Das kommt für mich zum Einsatz beim Kauderwelsch-Jammen auf der Gitarre. Von einem Songwriter hörte ich, dass er auch bewusst auf sein Unterbewusstsein setzt, dass damit im passenden Tonus Stichwörter hervorspült, die dann schon mal die Grundlage des Themas oder den Hook machen können. Und ich merke grad, dass ich das wieder öfter so machen möchte, weil es die vermeintliche Ewigkeit aus der Findung nimmt, und den Prozess auf den Moment minimiert. Das gefällt mir dabei.

Im Beispiel vorher war das so. Der Hook "Superglow" ist im Moment der Aufnahme entstanden und hat dann das Lied gemacht.

------ ENDE 👋🏻 -------
 
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..er spielt so gut, dass er sich selbst inspiriert Songs zu schreiben..und er schreibt so gute Songs, dass sich andere inspiriert fühlen, sie intensiv zu hören oder gar zu interpretieren..

..was will man mehr!?
 
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  • #24
Hier ist meine Top Five der Routinen und Prinzipien
Mit dem Disclaimer: Bob Dylan ist nicht der Einzige, der das sagte, aber an seinem Beispiel diskutieren wir hier.
..fast ist man geneigt mit der Grafity-Weißheit „Zu allem fähig und zu nichts zu gebrauchen“ zu kommentieren..

..anders formuliert „Wem soll es nützen, seine Kreativität in abstrakte Gliederungspunkte zu verpacken?“..

..mein erster Tipp wäre: Lerne zu kürzen..sind solche thematischen Ausflüge, wie z.B. „Eignung für‘s Mixing“ nötig?

..ansonsten..machet einfach..es heißt ja “Your first 100 songs are going to suck.”..ich steh seit Jahren bei 99;-)
 
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  • #25
“Your first 100 songs are going to suck.”
Hehe, kannte ich noch nicht. Schöne Perspektive. Find es gleichzeitig wichtig, bei jedem Song ein Stückchen besser zu werden (in welcher Hinsicht auch immer).
 
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  • #26
Egal ob KI generierte Analysen. Ich möchte zum Thema etwas beitragen. Wer weiß, die KI wird auch meinen Beitrag aufsaugen und verwässert altklug irgendwo im Algorithmus als Tatsache bei passender Fragestellung behaupten.

Zum Thema: Brian Wilson (kennt den noch jemand hier?) wurde mal gefragt was er von Bob Dylans Musik hält. Er soll gesagt haben, dass die Kompositionen toll sind, er aber mit den Eigenheiten des Vortrags die Songs zerstören würde.

Hört man sich den Dylan Song „Mr. Tambourine Man„ in der Fassung von den Birds an, ist das enorme Hit-Potential der Komposition zu erkennen.

Inzwischen verstehe ich Bob Dylan, so meine ich, besser. Genau das Ding mit dem Hit wollte er nicht. Nicht „gefällig“ sein. Oft extra unbeholfen die Mundharmonika spielen und die „süße“ Melodie durch ungewöhnliche Intonationen kantig machen. Er hätte es auch anders gekonnt.

Ich finde, dazu gehört sehr viel Mut und Eigenständigkeit. Das würde wahrscheinlich heute niemanden dazu bewegen die Songs so aufzunehmen und zu vertreiben.

Wie gut Dylan als Sänger und Gitarrenspieler sein kann, hat er oft bewiesen. So zum Beispiel bei den „Traveling Wilburys“ Projekt.

Ich weiß nicht, ob ich ihn gemocht hätte. Irgendwie erschien er mir arrogant und elitär. Aber das Werk und der Mut es so vorzutragen… viel Respekt und Neugierde beim Hören abgenötigt.

Dylan hat mal gesagt, dass Chuck Berry die besten Texte in der Rock’n’Roll Musik geschrieben hat. Da hat er sehr genau hingehört. -)

​

 
  • #27
Coole Lagerfeuer Musik, wer noch nie mit netten Leuten zum Lagerfeuer Gitarren Musik gelauscht hat und alle auch mal mitsingen der hat echt was verpasst und sollte das unbedingt mal nachholen.
Bob hat Damals den Nerv getroffen, das hat ihn so Erfolgreich gemacht.
Außerdem waren die Leute bis in die 90er absolut Schmerzfrei, es ging mehr um Inhalt nicht um Spitzen Klang oder Gesang.
Heute würde er nichts mehr reißen. Da wären seine Songs aber gute Demos aus dem man was ordentliches machen könnte.
Nichtsdestotrotz hat er ganz nette Songs gemacht die auch für mich so wie sie sind funktionieren.

Boah das man gefragt wird ob ich eine KI bin oder mein Text durch KI erstellt wurde ist sooooooo lächerlich.
Das man sich für solch einen Blödsinn die Zeit nimmt die Inet-Seite zu Programmieren, als hätte man nichts wichtiges zu tun.
 
  • #28
Bob hat Damals den Nerv getroffen, das hat ihn so Erfolgreich gemacht.
Ja, er hat mich damals schon genervt. Wir hatten Anfang der 70er Nachmittage mit Musik genossen, bei den Stones und eben Dylan habe ich mich gefragt, ob das wirklich Musik ist. Ich fand's langweilig.
 
  • #29
Ich weiß das nicht aber ganz ehrlich mal:
Wenn der Typ mit solchen Menschen befreundet ist wie George Harrison, dann ist er wahrscheinlich ein guter Mensch und ein sympathischer dazu. Der ist zu den travelling Wilburys gekommen, ein arroganter Einzelgänger hätte das niemals gekonnt und getan. Wer die Geschichte dazu gelesen hat, der weiß dass Bob privat auch umgänglich sein kann.
Was er konsequent durchzieht: Er verweigert sich jeglicher Vereinnahmung und versucht alles um gegen diesen Starzirkus und auf einen Sockel gestellt werden anzustinken.
Also igelt er sich, macht den Stinkstiefel etc.
Ich liebe seine Songs und die Art, wie er singt. Das ist imo grandios. Ich mag vor allem auch seine späten Alben sehr.
Das ist halt Amerikana. Folk, Blues. Und er ist ein Urgestein.
Ähnlich entspannt kommt ja auch Mark Knopfler seit Ewigkeiten daher. Hat eine ganz eigene Kraft aus der Ruhe irgendwie.
 
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  • #30
Vor einigen wenigen Jahren hat Bob Dylan in Schleswig-Holstein ein Konzert gegeben. Er soll nur neue Songs gespielt haben. Da gab es üble Kritiken. Habe ich nicht nachvollziehen können. Die Oldie-Ecke wollte er wohl vermeiden. Auch wieder so eine Unbequemlichkeit im „Geschäft“, die ich sympathisch finde.
 
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  • #31
Er verweigert sich jeglicher Vereinnahmung und versucht alles um gegen diesen Starzirkus und auf einen Sockel gestellt werden anzustinken.

Da könnte er ja gut mal anfangen, indem er die Ticketpreise humaner gestalten lässt.
 
  • #33
Stimmt zwar würde jedoch imo nicht wirklich passen

Doch, genau das würde passen für jemanden, der sich angeblich mmer ach so schön der "Hobo" Kultur verpflichtet fühlt. Aber wenn dann die dicke Marie lacht, isses denen auch allen vollkommen scheißegal (gilt ja auch für Springsteen etc.).
 
  • #34
Doch, genau das würde passen für jemanden, der sich angeblich mmer ach so schön der "Hobo" Kultur verpflichtet fühlt. Aber wenn dann die dicke Marie lacht, isses denen auch allen vollkommen scheißegal (gilt ja auch für Springsteen etc.).
Nee, das ist ein eigenes Thema. Kurz gesagt ist keiner dieser Volkssänger ein irgendwem oder einem Image verpflichteter Samariter und die alle machen Musik als Business, schon immer. Das wird von Springsteen seit je auch genauso kommuniziert.

Bei Weltstars hängen da an der Person und ihrem Namen zwangsläufig auch große Unternehmen, viele Angestellte und komplizierte Verträge, Rechte etc.

Da dem zB Ticket Wahn bewusst entgegen zu steuern gelingt nicht jedem Star. Ich weiß, es gibt einige gute Beispiele.
Und immer sind es zwei Seiten. Die Nachfrage ist so gewaltig dass horrende Ticketpreise zwangsläufig eine hässliche Folge sind.
Es sind nicht die Stars, das sind Eventim und Konsorten, sind halt tausend Leute die ihre Hand aufhalten.
Da zu sagen der Musiker soll das Geld aus eigener Tasche bezahlen für Dein Ticket ist iwie Gaga.
 
  • #35
Da dem zB Ticket Wahn bewusst entgegen zu steuern gelingt nicht jedem Star.

Nein. Die wollen das nur nicht. Wenn ich Bruce Springsteen bin und sage, dass kein Ticket mehr als bspw. $80 kosten darf, spiele ich nicht einen Gig weniger und die Veranstalter/Agenturen buchen mich trotzdem.
 
  • #36
Man kann über Bob Dylan viele Meinungen habe (obwohl das hier glaube ich gar nicht gefragt war?!)

Ich kenne zu wenig, um mir ein umfassendes Bild zu machen, aber ich finde, er kann/konnte gut Geschichten erzählen. Und sein Back-Catalog ist schon aufgrund der schieren Größe beeindruckend. Wenn da nicht unfassbare Mengen an Müll dabei wären, würde mich das sehr wundern. Und er hat bewiesen, dass es ihm oft scheißegal war, was die Menschen von ihm erwarteten. Er war ein Folk Megastar? Cool, mache ich halt jetzt Rockmusik.

Seine Texte fand ich immer toll und ich glaube, es ist schon ziemlich vermessen, zu glauben, dass man nicht von ihm lernen kann.

Nein. Die wollen das nur nicht. Wenn ich Bruce Springsteen bin und sage, dass kein Ticket mehr als bspw. $80 kosten darf, spiele ich nicht einen Gig weniger und die Veranstalter/Agenturen buchen mich trotzdem.
Hast du diese Böhmermann-Sendung über die Marktmacht von Eventim gesehen? Die Künstler haben kaum noch Einfluss auf die Ticketpreise (selbst die Veranstalter gehören oft Eventim) und Eventim regiert auch noch den Schwarzmarkt und profitiert dabei mit. Du hast vollkommen Recht, es gibt die Künstler, die die Macht hätten, das System zu brechen. Aber das muss man dann auch wirklich wollen.
 
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  • #37
Hast du diese Böhmermann-Sendung über die Marktmacht von Eventim gesehen?

Ja.

Die Künstler haben kaum noch Einfluss auf die Ticketpreise (selbst die Veranstalter gehören oft Eventim) und Eventim regiert auch noch den Schwarzmarkt und profitiert dabei mit.

Ich weiß. Und dann hat man ja in den letzten Jahren auch noch das lustige Dynamic Pricing eingeführt, das treibt die Schwarzmarktpreise umso mehr in absurde Höhen.

Du hast vollkommen Recht, es gibt die Künstler, die die Macht hätten, das System zu brechen. Aber das muss man dann auch wirklich wollen.

Na klar muss man das wollen. Und genau deshalb müssen eben die dicken Fische damit anfangen, denn dann wirkt das auch.
Als Taylor Swift über Spotify und die miesen Vergütungen zu schimpfen, ist ja schön und gut. Aber man muss eben auch nicht zwingend zur Milliadärin werden, bei Ticketpreisen von bis zu 5k.
 

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