Braucht es eine weitere Streicher-Library?
ProjectSAM war einer der großen Vorreiter bei Orchester-Libraries. Die erste Library ‚Symphobia’ wurde von mir schon 2008 getestet und der Klang war fantastisch. Der Klang war groß, episch und nicht für zarte Töne gedacht. Zur Verfügung stehen Ensembles oder das ganze Orchester. Weitere Libraries folgten, die sogar für den Big Band Einsatz gedacht sind. Das neue Konzept ist die Lineage Serie. Hier wird eine Instrumentengruppe detailliert abgebildet. Den Anfang machte ‚Lineage Percussion‘. Jetzt stehen die Streicher zur Verfügung. Braucht es wirklich noch eine weitere Streicher-Library? Finden wir es heraus.
Losgestrichen
Als Host kommt der kostenlose Kontakt 8 Player zum Einsatz. Als erstes schalte ich Kontakt in den ‚Classic View‘, damit ich die Ansicht habe wie aus allen vorherigen Kontakt-Versionen. Auf der Festplatte braucht die Library 71 GB.
Beim ersten Laden der Library werde ich begrüßt und bekomme ein paar Infos. Ich begebe mich aber direkt ins Eingemachte.
Die Auswahl der Patches ist wunderbar überschaubar. Ich fange mit einem Instrument an und wähle die Viola.
Die zusätzliche Tastatur ist zuerst etwas verwirrend, kann aber genauso viele Tasten darstellen wie von Kontakt selbst, ist dagegen aber etwas breiter, lässt Modwheel und Pitchbend aus und kann noch weitere Informationen zu den Keyswitches darstellen.
Beim ersten Anspielen der Long Note habe ich eine sehr große Latenz, die aber gewollt ist und sich abschalten lässt. Dazu komme ich gleich. Die Long Notes spielen ein Legato und gefallen mir vom Klang her gut, da sie genug Raum haben, gleichzeitig trocken genug sind, um noch Hall hinzuzufügen. Mir fallen aber drei Dinge auf:
1. Ab und zu sind Bogenwechsel sehr stark zu hören. In einem Live-Orchester stört mich das nicht, bei einer Library wiederholen sich diese aber immer und nicht in einem musikalischen Timing. Manchmal sind es auch eine Art Holz-Knarzer.
2. Beim Spielen von g2 höre ich ab und zu ein paar Störgeräusche, vor allem aber manchmal noch das c2. Anscheinend ist hier ein Musiker auf eine offene Seite gekommen. Wenn ich nun ein Stück in C#m habe, kann das für unfreiwillige Dissonanzen sorgen. Auch beim g#2 schwingt ab und zu ein c#2 mit. Beim f3 höre ich auf einmal ein e3.
3. Ich meine auch Loop-Punkte zu hören, da manchmal die Lautstärke ruckartig absinkt um ein paar Dezibel.
Umschalten lässt sich das Gestrichene zwischen Senza Sordino und Con Sordino. Leider schweigt sich das Handbuch aus, ob hier wirklich Samples aufgenommen wurden oder ein Equalizer zum Einsatz kommt. Ich tippe aber auf einen Equalizer, da ich hier dieselben Störgeräusche höre.
Das Rätsel um die große Latenz lässt sich mit den beiden Modi Live und Lookahead auflösen. Standardmäßig ist Lookahead aktiviert und analysiert die Spiel-Performance, bevor sie gehört wird, so dass Kontakt darauf reagieren können soll:
- Legato-Geschwindigkeit
- True Polyphonic Legato
- Timing soll optimiert werden
Dies sorgt allerdings für eine Latenz von 250 ms. Da ein Einspielen damit nahezu unmöglich ist, kann man stattdessen den Live-Modus wählen, der aber die genannten Vorteile deaktiviert.
Ich starte mit einem Test und spiele eine Legato-Phrase ein, quantisiere Anfang und Ende und lasse diese im Live-Modus abspielen. Das Ergebnis ist ein Legato.
Wenn ich die Noten verlängere, bekomme ich auf einmal abgesetzte Noten. Das hätte ich nicht erwartet. Bei vielen anderen Libraries müssen sich die Noten überlappen, damit ein Legato gespielt wird.
Kürze ich die Noten aber stark, dann bekomme ich wirklich kurze Töne, aber kein Staccato. Das d#3 (die höchste Note) kommt aber ein Tacken zu spät.
Nun probiere ich Lookahead. Wenn ich die mittlere (1.) oder lange Version (2.) nehme, bekomme ich jetzt ein schönes Legato.
Für mich hat Legato generell seine Stärken oder Schwächen, wenn es schnell gespielt wird. Daher verdopple ich das Tempo. Wenn ich das Modwheel sehr weit unten stehen habe, gefällt mir das Legato leider nicht. Es klingt unnatürlich und einige Töne sind deutlich lauter als andere. Statt der Viola lade ich nun Violin 1 rein. Das Ergebnis ist wesentlich besser, haut mich aber nicht vom Hocker. Mit der Violin 2 bin ich ernüchtert. Laut ist machbar, aber bei den leisen Parts höre ich teilweise ein Störgeräusch und es klingt nicht nach einem natürlichen Legato und die Töne unterscheiden sich teils stark in der Lautstärke. Das Cello macht leider keine bessere Figur. Ein langsames Legato kann hier eher überzeugen, das ist für mich aber auch nicht die Kunst. Schön sind schnelle Läufe von Streichern, die Glanz oder Zauber erzeugen können. Das Handbuch sagt aber auch nichts über das Legato-Tempo.
Zur Verfügung stehen drei Legato-Modi:
- No Legato
- Monophonic Legato
- Polyphonic Legato
Das Polyphonic Legato funktioniert sehr gut, auch im Live-Betrieb.
Allerdings soll die Funktion ‚Low velocity portamento‘ es ermöglichen, bei niedriger Velocity ein Portamento zu erzeugen. Aber erst im Editing kann ich diesen Effekt erzeugen, da ich die Velocity auf sehr niedrige Werte setzen muss, die kaum spielbar sein. Der Unterschied ist für mich auch eher marginal.
Das ominöse AP steht für Adaptive Phrasing. Wenn eine Note kurz gespielt wird, hört man auch eine kurze Note, eine lange Note spielt eine lange Artikulation. Das funktioniert aber nur im Lookahead-Modus, der 250 ms Latenz hat. Man kann also zuerst im Live-Modus einspielen und dann das Ergebnis mit Lookahead hören.
Ich habe zwei Phrasen eingespielt.
Drei kurze Noten und eine lange Note. Ich höre aber nur zwei kurze Noten und eine lange Note. Es klingt so, als ob die dritte Note eine kurze und lange Note zugleich ist.
Im zweiten Beispiel werden die Noten korrekt wiedergegeben. Generell wird anscheinend nur zwischen Long und Staccato gewechselt. Weitere kurze Noten stehen hier nicht zur Auswahl. Das ist schade, denn so hätte man wirklich ohne Keyswitches eine tolle Performance spielen können.
Aber ich kann ja auch manuell die gewünschte Artikulation wählen. Das Tenuto gefällt mir sehr gut und ich hätte mir noch ein Marcato gewünscht mit längeren Noten.
Die Short Notes besitzen Staccato, Staccatissimo und Spiccato. Schade, dass Tenuto und Short Notes nicht zusammengefasst wurden. Der Wechsel zwischen den drei kurzen Versionen kann über Keyswitches erfolgen. Diese sogenannten Sub Keyswitches befinden sich in der oberen Oktave, während sich die Main Keyswitches in der unteren Oktave befinden. Das finde ich verwirrend und nicht konsequent. Warum sind nicht alle Keyswitches in einer Lage? Die Keyswitches können zwar in der Oktavlage geändert werden, aber eben nicht logisch nebeneinander liegen.
Beim Spielen der Viola Staccato mit lautem c3 fällt mir auf, dass es am Ende bei einigen Samples ein Knacken gibt.
Zwischen den kurzen Artikulationen kann ich aber auch wechseln per Modwheel, Expression, Custom CC oder Velocity.
Das Pizzicato überzeugt mich und klingt wunderbar. Genauso wie das Tremolo. Harmonic klingt wunderbar, wenn in der Viola beim b2 nicht ab und zu eine Oktave tiefer mitschwingen würde. Das fällt leider sehr stark auf.
Die Triller gibt es in lang und kurz (Pralltriller, z. B. c d c). Diese lassen sich umschalten zwischen kleiner Sekunde und großer Sekunde per Velocity, Keyswitch oder Custom CC.
Die Grace Note geht einen Halbton hoch oder runter. Ich habe das Gefühl, dass die Bewegung hoch etwas schneller ist als runter.
Wir werden etwas technischer und gucken uns ein paar Einstellungen an. In den Mappings können Keyswitches geändert werden. Aber eben leider nicht alle, wie schon oben bei den Short Notes erwähnt.
Bis zu zehn Round Robins gibt es. Wenn ein Sample nicht gefällt, kann dieser Round Robin deaktiviert werden. Schön ist, dass wir Cyclic oder Random wählen können. Damit ist die Reihenfolge chronologisch oder zufällig, was für mehr Realismus sorgt. Prima ist auch, dass kein einziges Mal dasselbe Round Robin nacheinander gespielt wurde.
Es gibt einen kleinen Mixer auf der Hauptseite.
Die Mixer-Seite bietet aber noch mehr. Es gibt vier verschiedene Signale:
- Close
- Stage
- Ambient
- Premix
Close ist schön trocken und Stage klingt sehr räumlich. Es lohnt sich, beide Signale zu kombinieren, was im Premix anscheinend auch genauso gemacht wurde. Ambient klingt weit entfernt und breit. Schön, dass das Signal da ist, ich werde es aber maximal für Surround-Mischungen benutzen. Wer nicht das voreingestellte Panning nutzen möchte, wählt Custom Pan und kann auch separate Einzelausgänge nutzen. Wer nur ein Mikrofon nutzt, kann hier die Single Mics Patches auswählen.
Im unteren Bereich gibt es vier Effekte. Zwei Reverbs, die sich lediglich per Send steuern lassen. Der Algorithmus oder die Länge lassen sich nicht ändern. Der erste Hall ist ein Faltungs-Hall, der zweite Hall wird mit ‚synthetic reverb‘ beschrieben – was immer das bedeutet. Der Mouse-Over-Tip erwähnt das Native Instruments Plug-In Raum. Aber je mehr ich diesen Effekt hinzufüge, umso mehr Phasenauslöschungen bekomme ich. Dieser Fehler tauchte nur beim Schreiben des Textes auf. Beim Drehen des Test-Videos war dieser Fehler nicht mehr reproduzierbar.
Weiter geht es mit einem Brightness-Effekt, der für mich nach einem Tilt-EQ klingt und einem Limiter, der das Signal vor allem lauter macht.
Bisher habe ich bei langen Noten das Modwheel genutzt für die Lautstärke. Stattdessen kann ich aber auch Velocity, Expression, Custom CC oder Aftertouch nutzen.
Das Bowing wechselt normalerweise automatisch zwischen Aufstrich und Abstrich. Beim Tenuto kann es aber schön sein, nur den Abstrich zu nutzen. Dafür gibt es auch genügend Möglichkeiten, dies über Controller zu steuern.
Der Notestacker klingt erst mal ganz toll, bedeutet aber nichts anderes, als dass beim Drücken einer Taste mehrere Tasten gleichzeitig gedrückt werden. So ein Tool habe ich noch nie gebraucht.
Auch das Vibrato lässt sich regeln. Ich verlinke es gerne mit dem Modwheel: Je lauter ich werde, desto mehr Vibrato nutze ich. Die Funktion Auto Vibrato soll das Vibrato noch zusätzlich steuern und für mehr Lebendigkeit sorgen.
Das Patch Builder ist ein Ensemble, das aus allen Instrumenten besteht – und damit auch viel Speicherplatz einnimmt. Ein vorgefertigtes Ensemble-Patch würde weniger Platz in Anspruch nehmen, hätte aber nicht so große Flexibilität.
Mit dem Arranger kann ein Akkord gespielt werden und dieser wird auf die einzelnen Stimmen bzw. Instrumente aufgeteilt. Hier gibt es verschiedene Presets, angefangen damit, dass sich alles am Gespielten orientiert bis hin zu automatisch hinzugefügten tiefen Oktaven. Ich persönlich konnte solchen Tools noch nie etwas abgewinnen, da ich zu stark eingeschränkt bin. Wenn ich nacheinander die Töne spiele e3, g3, c4 und d4, werden zuerst Violin 1, Violin 2, Viola und Cello gewählt. Das ist exakt die falsche Reihenfolge – auch wenn es interessant sein könnte. Ein nettes Tool, das ich nie benutzen werde.
Lineage Strings im Video-Test
View: https://youtu.be/tsmW462W2Cc
Fazit
Der Grundsound ist toll, es gibt großartige Ideen zur Bedienung, die meiner Meinung nach nicht konsequent und gut umgesetzt wurden. Für meinen Geschmack gibt es zu viele Nebengeräusche und hörbare Loops. Das Legato hat mich leider gar nicht überzeugt, da es nur bei langsamem Legato funktioniert und bei schnellem, leisem Legato oft starke Lautstärke-Sprünge hat. Und ich wundere mich wieder über alle YouTuber, die keinen dieser Fehler hören und alles toll finden.
Project SAM hat von mir eine Liste mit allen Punkten bekommen und innerhalb eines Tages geantwortet, dass viele davon bekannt ist und es ca. in drei Wochen (also ca. 22.07.2026) ein Update geben wird, das alle Fehler beheben wird.
Hersteller: ProjectSAM
Host: Kontakt 8 Player
Preis: 349 € (early bird 296,64 €)
