Hype oder toller Synthesizer?
Auf einmal sind viele Meldungen zu einem neuen virtuellen Synthesizer da. Natürlich sprechen beim Key Solutions Traveler wieder alle von einem Gamechanger und ohne diesen Synthesizer klingt angeblich alles schlecht. Aber erste Demos, Videos und Infos ließen mich neugierig werden.
Das Plug-In gibt es in allen wichtigen Formaten: VST3, AU, AAX und Standalone. Sehr sympathisch ist, dass das Plug-In auf drei verschiedenen Rechnern installiert werden kann. Da ich auf einem Apple und Windows Rechner arbeite, bin ich da sehr dankbar. Und evtl. hat man ja noch einen Arbeitslaptop.
Der Entwickler Mike Martin hat sich mit Traveler einen eigenen Traum verwirklicht und selbst schon für Yamaha, Kurzweil und Casio gearbeitet.
Das Handbuch wird nicht direkt mitgeliefert. Aber wenn man innerhalb von Traveler auf die Settings geht, findet man dort den Link zum Handbuch. Ich habe lange gesucht, da die Settings nicht, wie meistens, in einer Ecke sind, sondern in der Mitte.
Los geht’s
Die Oberfläche wirkt erst mal sehr übersichtlich und erinnert mich etwas an die Moog-Struktur. Bevor es aber theoretisch wird, spiele ich ein paar Presets an.
Mitgeliefert werden wirklich viele Presets von mehreren Sounddesignern.
‚A New Beginning‘ ist ein toller glockenähnlicher FM-Lead-Sound, der viel Brillanz hat und mit Filter und Amp auf die Velocity reagiert.
‚Aftermath‘ ist ein fetter Bass, dessen Tonhöhe durch eine Hüllkurve zuerst eine Oktave höher anfängt und dann schnell nach unten gezogen wird.
‚Air Strike‘ scheint ein Flugzeug zu simulieren, dessen Tonhöhe immer tiefer wird. Sehr interessantes Sounddesign.
‚Amnesiac‘ ist ein Arpeggio, bei dem ich auf den ersten Blick spüre ‚GEIL‘. Interessant wird es beim Filter, das ich nach unten drehe, damit der Sound dumpfer wird. Das reicht mir aber nicht, also drehe ich auch den Env Amount nach unten. Dadurch wird der Sound aber nicht noch dumpfer, sondern der Sound wird noch weicher. Interessant! Ein Preset, mit dem ich ewig rumspielen könnte am Sound. Drehen macht einfach Spaß!
‚Android Lullaby‘ ist ein Pad, das im Panorama wandert. Finde ich heraus, wie das funktioniert?
‚Annihilator‘ ist ein toller zitternder Sound, der bei einem Trailer ein Signature-Sound sein könnte. Ich weiß, es ist jetzt schwierig, sich den Sound vorzustellen. Es lohnt sich also, das Video anzugucken.
‚Berlin Wormhole‘ spielt ein simples Arpeggio, der Clou liegt aber im Noise, das sehr perkussiv ist und über eine extra Modulation gesteuert wird. Da kommt man auf Ideen.
‚Chaos is Lurking‘ ist ein relativ simpler softer Lead-Sound mit einer langen Attack. Mit eingeschaltetem Arpeggiator spiele ich einen Akkord und bekomme so eine Textur. Mit dem Modwheel können einige Oscillatoren stufenlos bis zu einer Oktave nach unten gezogen werden, was eine tolle Spannung erzeugt.
Was ist drin?
Ich empfehle immer, einfach mal an den Knöpfen zu drehen und Dinge selber rauszufinden. Trotzdem bin ich immer froh, wenn es ein Handbuch gibt, das ich lesen kann. In diesem Fall gibt es ganze 159 Seiten.
Alles fängt mit dem Sound an und der kommt hier von drei Oscillatoren. Jeder Oscillator kann eine von sechs Oktaven spielen und um 700 Cent (also 7 Halbtöne) verstimmt werden. Die Wellenform wird stufenlos über den Wave-Drehregler eingestellt:
- Sine
- Triangle
- Saw
- Square (mit variabler Pulsbreite)
Aber hier unterscheiden sich die Oscillatoren. Oscillator 1 kann den zweiten Oscillator syncen, so dass dieser schärfer und etwas brillanter klingt. Umgekehrt kann Oscillator 1 durch Nummer 2 oder 3 in der Frequenz moduliert werden (FM-Synthese) und bekommt dadurch einen härteren, dreckigeren Sound.
Oscillator 2 kann dagegen bis zu sieben Voices spielen, diese detunen und im Panorama verteilen.
Oscillator 3 ist der flexibelste Oscillator. Mit 3KB kann das Keyboard-Tracking deaktiviert werden, sodass der Oscillator immer auf derselben Tonhöhe spielt, was für FM interessant sein kann.
Im Wavetable-Mode gibt es ca. 80 Wavetables und 171 eigene Wavetables bzw. Samples können geladen werden. Damit der Klang lebendiger wird, kann man mit WT POS durch die Wavetable fahren.
Im SLO-Mode schwingt der Oscillator so langsam, dass er nicht mehr wirklich hörbar ist, aber wunderbar als Modulationsquelle dient für z. B. das Filter und somit weit über die üblichen simplen Standard-Hüllkurven hinausgeht.
Mit DUO wird noch ein zweiter Oscillator mit denselben Settings hinzugefügt. Mit Detune und Spread wird das Signal komplett fetter und breiter gemacht.
Im Mixer wird nicht nur die Lautstärke jedes Oscillators eingestellt, sondern auch das Panorama. Das ist so simpel wie gleichzeitig effektiv. Vor allem lässt sich auf das Panorama modulieren. Damit dürfte auch meine anfängliche Frage geklärt sein.
Zu den Oscillatoren kommt noch ein Noise dazu, das Weiß oder Pink sein kann. Damit können HiHats oder Snares simuliert werden und es kommt eine schöne Portion Schmutz dazu. Über die roten Knöpfe auf der rechten Seite lässt sich jede Stimme ein- und ausschalten.
Mit FEEDBACK wird das Signal wieder in den Mixer zurückgeführt, was den Sound noch etwas aggressiver gestalten kann. Schön kaputt kann man das Signal mit DRIVE machen. Beide Funktionen im Doppelpack lassen das Ganze leben.
Der Sound ist mir zu höhenlastig, also muss ein Filter ran mit insgesamt sechs Modellen:
- Ladder 6
- Ladder 12
- Ladder 18
- Ladder 24
- NJM 12
- NJM 24
Die letzten beiden sind vom NJM2069 inspiriert worden, einem japanischen Filter / VCA Chip, der von Korg unter anderem im DW-6000, DW-8000, Poly-800 und DSS-1 eingesetzt wurde. Aber wie klingt es? Dieses Filter nimmt nicht so viele Höhen weg, dafür mehr Bässe und klingt nicht so fett und ist damit gut geeignet, einen Sound untenrum aufzuräumen.
BASS soll dafür sorgen, dass die Bässe nicht überbetont werden. Allerdings konnte ich keine Überbetonung hören und auch keinen Unterschied, ob diese Funktion aktiviert ist, was mich aber nicht wirklich gestört hat.
Für einen breiteren Sound sorgt SPACING, indem das Filter links und rechts einen Offset hat. So ist das Filter rechts etwas offener als links. Nutzt man das bei mehreren Sounds unterschiedlich, kann allein das schon für Breite sorgen. Oder man moduliert auch diesen Parameter.
In der nächsten Reihe lässt sich einstellen, wie stark sich die Hüllkurve und das Keyboard Tracking auf das Filter auswirken.
Mir gefällt, dass es auch ein HP-Filter gibt, denn das fehlt mir oft bei Moog-Synthesizern. Auch hier kann die Hüllkurve greifen. Per LINK lassen sich Lowpass- und Highpass-Filter gleichzeitig miteinander bewegen, so dass man ein ausgesuchtes Frequenzspektrum hat wie bei einem Bandpass-Filter.
Bewegung ist King
Nachdem der Sound gestaltet wurde, sorgt etwas Bewegung für Leben in der Bude. Drei Hüllkurven gibt es, die zwar feste Namen haben, aber über die Matrix frei verbunden werden können. So kann die VCA Hüllkurve z. B. auch gleichzeitig das Filter modulieren.
Jede ADSR-Hüllkurve kann noch erweitert werden auf eine A-D-B-SL-S-R-Hüllkurve. Das B steht für Breakpoint und SL für Slope. Clever generell ist, dass das Display in der Mitte nur den aktuellen Parameter darstellt und somit Platz spart. Im Display können zwar die Kurven bearbeitet werden (linear / exponentiell), aber leider nicht die Punkte selbst. Aber auch damit kann ich leben, denn da nutze ich lieber die Schieberegler.
Leider gibt es bei MOD ENV nicht die Möglichkeit, die Stärke über die Velocity zu regeln, was bei den anderen Hüllkurven funktioniert. Dafür gibt es eine andere Zusatz-Funktion: ALT-CTRL. Damit kann ein anderes Signal die Hüllkurve triggern als das Drücken einer Taste. So kann ich beim Spielen eines Pads mit dem Sustain-Pedal das Filter öffnen. Insgesamt gibt es folgende Trigger-Quellen:
- On
- Velocity
- Modwheel
- Pressure
- Env (Filter, VCA, Mod)
- Breath
- Foot
- Expression
- Sustain
- Pitchbend
- Keytrack
- LFO 1-3
Ich hätte mir noch gewünscht, dass die zwei CTRL Tracks aus dem Arpeggiator zur Verfügung stehen.
Positiv fällt mir an dieser Stelle auf, dass das Handbuch zu jeder Funktion viele kreative Anregungen gibt, wie man diese einsetzen kann mit konkreten Beispielen. Da merkt man, dass ein Sounddesigner selbst am Werk war. Allein dadurch kann man mit dem Plug-In viele Tage verbringen.
Für konstante Bewegungen sorgen drei LFOs. Alle drei LFOs bieten dieselben Wellenformen:
- Sine
- Triangle
- Ramp
- Saw
- Slew Random
- S&H
Jede Wellenform gibt es unipolar und bipolar. Mit KEY SYNC startet die Wellenform neu mit jedem Tastendruck. Mit POLY kann jede Stimme einen eigenen LFO bekommen. Damit kann ich z. B. das Filter bei einem Pad separat modulieren, was für viel Bewegung sorgt. Klasse!
Alle LFOs lassen sich in Hertz oder Notenwerten einstellen. LFO 1 und LFO 2 lassen sich langsam einfaden (hilfreich für Vibrato). Wer die Tonhöhe der Oscillatoren oder das Filter modulieren will, muss nicht über die Matrix gehen und die LFOs zuweisen, sondern kann diese direkt mit den Reglern PITCH und FILTER erledigen.
Die im Manual genannte Modulations-Matrix ist eher ein Menü. Pro Menü bzw. Reihe werden drei Slots angezeigt. Insgesamt gibt es sieben Seiten, was 21 Slots und Modulationsmöglichkeiten bietet. Das sollte locker reichen. Ich hätte es schön gefunden, wenn man das Menü nach rechts aufklappen könnte, um so alle Slots gleichzeitig zu sehen. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau. Es gibt drei Parameter:
- Source
- Destination
- Control
Bei den Controllern, die die Stärke der Modulation regulieren, wünschte ich mir noch MIDI-CCs. Einen Parameter kann ich aber mit MIDI-Learn belegen: Einfach einen Rechtsklick auf den Regler, den MIDI-Controller bewegen und fertig. Toll ist, dass jede Modulation genau wie im Mixer deaktiviert werden kann.
Moduliert werden kann so ziemlich alles und die Modulation wird durch einen grünen Ring angezeigt. Damit sieht man auf einen Blick, was wo passiert.
Wie es sich gehört, kann jeder Sound polyphon oder monophon gespielt werden. GLIDE lässt den Sound schön nach oben oder unten ziehen beim monophonen Spiel. Der Unterschied zwischen Mono und Legato ist, dass die Hüllkurven bei Legato nicht neu getriggert werden. Bis zu 16 Voices können gelayert und per DETUNE verstimmt werden. Fett geht hier also.
Um die einzelnen Stimmen auseinander zu ziehen, nutze ich in den OUTPUT Parametern PAN SPREAD. Ungewöhnlich (gut) finde ich, dass es nicht nur einen globalen Lautstärke-, sondern auch Panorama-Regler gibt. Damit fängt das Mixing schon im Synth an.
Panorama ist ja schön und gut, aber evtl. hätte man gerne die tiefen Töne im Center. Dafür sorgt LF WIDTH. Das LF steht für Low Frequency. Somit können die höheren Noten breiter sein, der Bass in einem Pad ist aber schön in der Mitte. Wow, coole Idee!
Wer noch mehr Analog-Feeling haben möchte, schnappt sich VINTAGE, was Tonhöhe, Filter und Hüllkurven pro Stimme leicht moduliert.
Ein Arpeggiator darf natürlich nicht fehlen. Mir gefällt, dass hier nicht nur ein Gate vorhanden ist, sondern mit Destination auch gewählt werden kann, ob alle Oscillatoren getriggert werden oder nur eine gewählte Kombination aus Oscillatoren und Noise.
Beide Control Tracks sind Step-Sequencer mit maximal 16 Steps. Interessant wird es, wenn der erste Control Track 16 Steps hat und der zweite 15 Steps. Damit lassen sich z. B. Mixer oder das Filter unterschiedlich modulieren. Die Control Tracks können über die Modulations-Matrix zugewiesen werden oder direkt im unteren Menü.
Schön ist PING PONG, was den Control Track vorwärts und rückwärts laufen lässt.
Es werden direkt ein paar Presets mitgeliefert, es können aber auch eigene Settings abgespeichert werden.
Der Sound kann mit Effekten verfeinert werden, die eine feste Reihenfolge haben. Der EQ bietet drei Bell-Bänder ohne Q-Faktor. Mit dem Chorus kann das Signal noch breiter gestaltet werden und hat sogar drei Modi.
Das Delay bietet ein Dual Delay (beide Seiten getrennt im Timing einstellbar) und ein Ping Pong Delay inklusive eines LP/HP-Filters.
Der Hall stellt drei Algorithmen zur Verfügung:
- Space
- Hall
- Room
Traveler im Videotest
View: https://youtu.be/tT45UdCQ834
Fazit
Traveler bietet auch erst mal das übliche Besteck: Oscillatoren, Hüllkurven, Filter, LFOs und Effekte. Hier gibt es allerdings viele Details, die diesen Synth besonders machen und man merkt, dass hier kein Programmierer, sondern ein Sounddesigner gearbeitet hat. Die Presets gehen von Standard-Sound bis hin zu Kino und Inspiration pur. Das Handbuch ist toll geschrieben und bietet viele Praxis-Anwendungsbeispiele und Inspirationen. Das Kapitel über die Effekte scheint zu fehlen, aber das sollte jeder noch selbst schaffen. Dieser Synthesizer ist auf jeden Fall einen Blick wert und mit der Demo-Version kann man sich selbst von Traveler überzeugen.
Hersteller: Key Solutions Sounds
Format: VST3, AAX, AU
Preis: 99 $ (Early Bird, danach 149 $)
